4/04/2009

Eine Notiz zu "Man Push Cart"

Ein sehr starker Beginn, der dem pakistanischstämmigen Budenverkäufer Ahmad (Ahmad Razvi) in einer harten, elliptischen Schnittfolge dabei zusieht, wie er sein Push Cart durch die New Yorker Nacht zieht, seinen Stand aufbaut, im Morgengrauen letzte Vorbereitungen trifft, die ersten Kunden bedient, den Stand wieder abbaut, auf dem Heimweg noch ein paar raubkopierte Porno-DVDs vertickt, und schon ist es wieder dunkel, Ahmad zieht seinen Push Cart durch die New Yorker Nacht... Darin, wie die Kamera einzelne von Ahmads Handgriffen aus ihrer sensomotorischen Verkettung herauslöst und isoliert, wie sein Gesicht in Nahaufnahme sich (einstweilen) der psychologisierenden Lesbarkeit widersetzt, beweist der spröde Beginn von Ramin Bahranis Man Push Cart (USA 2005) eine beinahe Bresson'sche Strenge.

mpc


Erst wenn nach gut zwanzig Minuten zum ersten Mal die Musik einsetzt, bietet sich die Gelegenheit zu innerer Einkehr. Auch dieser spärlich-pointierte Gebrauch der Musik, die sich in den ansonsten durch und durch diegetisierten Soundtrack mischt, könnte noch Bresson verpflichtet sein, ist es, wie sich später leider herausstellen wird, aber eben doch nicht. Anstatt die Äußerlichkeit der Bilder spirituell zu überhöhen, markieren die ersten Klänge des Leitmotivs den Einstiegspunkt einer im weiteren Verlauf zunehmend sentimentalischen Verinnerlichung des Protagonisten, die darin kulminiert, dass er den Tod eines kleinen Kätzchens beweint.

Ich möchte Man Push Cart wirklich nicht vorwerfen, dass er versucht, eine Geschichte zu erzählen. Aber dass der Film sich von der einfachen Schilderung von Lebens- und Arbeitsverhältnissen entfernt, um sich auf eine Art Dreiecksgeschichte zwischen Ahmad, der spanischen Zeitungsverkäuferin Noemi (Leticia Dolera) und der paternalistischen Businesstype Mohammad (Charles Daniel Sandoval) einzulassen, dass der Film Ahmads anfängliche Opazität, sein Schweigen, seine Würde den Imperativen der Figurendramaturgie opfert, ist doch sehr schade. Wer trotzdem dran bleibt, wird am Ende, das sich auf die Qualitäten des ersten Abschnitts besinnt, reich belohnt.

P.S. Dem Cargo Container entnehme ich, dass A.O. Scott in der New York Times eine Debatte über einen supponierten "Neo-Neo Realism" an den Rändern des US-Kinos angefacht hat, worin neben Man Push Cart auch Ramin Bahranis neuester Film, Goodbye Solo, als Beispiel firmiert. Letzterem widmet außerdem Ignatiy Vishnevetsky in The Auteurs Notebook eine euphorische Besprechung.

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