4/03/2009

Momente der elterlichen Nicht-Existenz: "En Kärlekshistoria"

Aus dem schmalen Œuvre Roy Anderssons haben es im deutschsprachigen Raum nur seine letzten beiden Filme, Sånger från andra våningen (Songs from the Second Floor) und Du levande (You, the Living), zu größerer Bekanntheit gebracht. En Kärlekshistoria (A Swedish Love Story) von 1970 ist zwar bereits Vorwegnahme einer Autorenhandschrift, aber unfertig, nicht ausformuliert. Dass Anderssons Signatur - an der Grenze zwischen Wachen und Träumen, Alltag und Apokalypse angesiedelte, bis ins kleinste Detail ausgestaltete Tableaus vom entfremdeten Leben - hier noch auf Widerstände stößt, mit gegenläufigen Tendenzen konfligiert, ist ein großes Glück für diesen wunderbar inkongruenten Film.

sls


Wie die Teenager Pär und Annika sich nur mit - erst tastenden, dann forscheren - Blicken verständigen, und wie der Film sich dieser wortlosen Annäherung anschmiegt, wie er ganze Szenen um die Gesten der beiden arrangiert und dabei eine unheimliche Sensibilität für das fragile Gleichgewicht zwischen unbefangener Spontaneität und gewollter Lässigkeit entwickelt; dies alles steht in krassem Gegensatz zur Darstellung der Erwachsenenwelt. In ihr erkennt man den Roy Andersson von Sånger från andra våningen und Du levande wieder. Eine Betriebsfeier des Kühlschrankherstellers, für den Annikas Vater als Vertreter arbeitet, wird derart ins Bild gesetzt, dass man sich zunächst in einem Paralleluniversum wähnt: Ein Mann, umgeben von Kühlschränken und anderen Männern mit bedeutender Miene, besingt sein schwedisches Vaterland. Wo sind wir gelandet? Gemeinsam mit Pär und Annika werfen wir einen verständnislosen Blick auf das Gebaren der Elterngeneration.

Im Wissen um Anderssons nachfolgende künstlerische Evolution ist es berückend zu beobachten, wie er die Unschuld von Pär und Annika systematisch gegen den schädlichen Einfluss der Erwachsenen abzuschotten sucht. Am Ende des Films versammelt Andersson alle Figuren zu einer Gartenfeier in der schwedischen Provinz. Während die Kinder sich im Schutz einer Hütte dem Taumel erster Liebe hingeben, verlaufen sich ihre Eltern im nahe gelegenen Wald und werden von undurchdringlichem Nebel verschluckt. Ein anderer Filmemacher, der den Geist der 1960er und 70er Jahre atmete, schrieb 1973, wenngleich vom anderen Ende der Welt, der einzig verantwortliche Umgang mit Kindern sei, ihnen "Momente der elterlichen Nicht-Existenz" zu ermöglichen (Oshima Nagisa, Die Ahnung der Freiheit).

No comments:

Post a Comment