11/03/2009

Jean Rouchs "Moi un noir"


„Du schaust uns an, als wären wir Insekten“, hat Ousmane Sembène dem französischen Ethnografen Jean Rouch Mitte der 1960er Jahre einmal vorgeworfen. Mit Moi un noir realisierte Rouch einen Film, den man, wäre er nicht vor Sembenes legendärem Ausspruch entstanden, glatt als Entgegnung auffassen könnte. Er ist das Porträt einer Gruppe nigerischer Auswanderer, die sich in Treichville, einem ärmlichen Vorort von Abidjan, als Dockarbeiter und in Gelegenheitsjobs verdingen, ohne jemals ein Auskommen zu finden. Moi un noir nimmt seinen Ausgang im hergebrachten Modus des ethnografischen Films. Rouchs akusmatische Präsenz auf der Tonspur trägt ein einleitendes Statement vor, worin die sozioökonomische Stellung Treichvilles im Verhältnis zu den Industrie- und Verwaltungsdistrikten Abidjans angerissen und ihre Trennung als rassistisch aufgezeigt wird. Der Duktus dieser Einführung ist keineswegs nüchtern, sondern ergeht sich in metaphorischen Bildern, z.B. die Arbeitslosigkeit und der damit einher gehende Alkoholismus als eine der vielen „Krankheiten“, an denen die afrikanischen Städte laborierten.

Dann aber übergibt Rouch die Staffel an den Protagonisten seines Films, der aufgrund seiner vermeintlichen Ähnlichkeit mit dem gleichnamigen Hollywoodschauspieler nur Edward G. Robinson gerufen wird. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, da sich Rouch als Rahmenerzähler in die Tonspur mischt, gehört diese nun seiner Hauptfigur. Und die macht reichlichen Gebrauch von der Gelegenheit, sich selbst, ihre Lebensumstände und Träume zu erzählen; die soziale Ungleichheit und Chancenlosigkeit der Bewohner Treichvilles anzuprangern. Rouch bleibt als Regisseur freilich in Kontrolle: Es gibt einen Plot, der sich zugunsten einer straffen Dramaturgie immer wieder unverhohlen von seinen dokumentarischen Prämissen löst. Auch die sorgfältig bedachte Mise-en-scène tut nicht so, als sei sie einem glücklichen Zufall entsprungen. Rouchs Anverwandlung und tendenzielles Verschwinden hinter seiner Figur ist vor diesem Hintergrund kritisch zu sehen.

Und dennoch stellt sich immer wieder der Eindruck ein, die Rede des Protagonisten schieße über das ihr zugedachte Ziel hinaus. Edward G. Robinsons in rascher Folge wiederholten Wortkaskaden zeugen von einer überschüssigen Energie und Expressivität, die nicht der Anlage des Films, sondern der Präsenz ihres Hauptdarstellers geschuldet ist. Edward G. Robinson hieß in Wirklichkeit Oumarou Ganda und sollte wenige Jahre später in den Autorenpantheon des frühen afrikanischen Kinos aufsteigen – neben Sembène, Djibril Diop Mambéty, Moustapha Alassane und Safi Faye. Egal, wie viel Freiheit Rouch ihm zugestanden haben moche, bis zu welchem Grad Moi un noir Ergebnis einer gleichberechtigten Zusammenarbeit gewesen sein mochte, half der französische Ethnograf, indem er mit der hierarchischen Zuordnung von Sehen und Angesehenwerden brach und Ganda im Gebrauch einer Kamera anwies, dessen Karriere auf den Weg zu bringen.

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