11/08/2009

Noch nicht. Zu Maurice Pialats "Passe ton Bac d'abord"


Die erste Einstellung zeigt die zerfurchte Oberfläche einer hölzernen Schulbank in Draufsicht, als handelte es sich um Höhlenmalerei. Dazu die Stimme eines Lehrers, der erklärt, das Verständnis von „philo“ setze den Willen voraus, Gelerntes ungelernt zu machen, eingeschliffene Begriffe und Wahrnehmungsformen gewissermaßen zu entlernen („desapprendre“). Zu Beginn des nächsten Schuljahres, am Ende des Films, wird derselbe Lehrer denselben Text der nächsten Klasse vorbeten. Gemeinsam mit Élisabeth, die das Jahr wiederholen muss, erleben wir die manchmal traurige, manchmal lächerliche Ernüchterung, die Erwachsenwerden (auch) heißt. Dazwischen, und darin zeigt sich die Verwandtschaft von Passe ton Bac d'abord mit den besten Filmen John Hughes’, steht die ausgehende Schulzeit als Zeit der Latenz und utopischer Möglichkeitsraum des Noch-nicht: Sich jeden Tag verlieben, aber noch nicht binden, die Koffer packen, aber noch nicht die Flucht (aus dem Elternhaus, der dörflichen Enge, etc.) ergreifen, das Abitur hinschmeißen, aber noch nicht ins Erwerbsleben eintreten.

Pialat verteilt seine Aufmerksamkeit auf eine unübersichtliche Anhäufung von Charakteren, deren Zusammenhang so lose gestrickt ist, wie es die soziale Wirklichkeit einer kleinen französischen Ortschaft mit ihren diversen, nur teilweise überlappenden Freundeskreisen vermutlich gebietet. Fäden ziehen sich einige durch diesen eher an- als abschwellenden Tumult, rot ist keiner davon. Das mag man für ein Unvermögen Pialats halten. Da seinen adoleszenten Figuren genauso, nämlich: ziellos, verwirrt, unbestimmt zumute ist, kann man aber getrost davon ausgehen, dass im fahrigen drift von Passe ton Bac d'abord ein mitfühlendes Bekenntnis zu dramaturgischer Offenheit west.

Passe ton Bac d'abord und der im vorigen Posting besprochene Nous ne vieillirons pas ensemble sind beide im September dieses Jahres in der DVD-Reihe Masters of Cinema bei Eureka! erschienen.

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