5/22/2009

Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker: Zu einigen Filmen von Santiago Álvarez












Unter der künstlerischen Leitung des Kubaners Santiago Álvarez, dem Grandseigneur des Agitprop, entstand in den 1960er und 70er Jahren eine Reihe tendenziöser Dokumentarfilme über den US-amerikanischen Vietnamkrieg - oder vielmehr über den vietnamesischen US-Amerikakrieg, da Álvarez' Sympathien ganz unzweideutig auf Seiten des Vietcong liegen. Manche, wie Hanoi, martes 13 (1967), sind in jeder Hinsicht meisterhafte Vertreter ihres Genres, andere, wie La guerra olvidada (1967), der das Nachbarland Laos in den Blick nimmt, machen sich zumindest um die Erschließung unbekannten Terrains verdient, wieder andere, wie La estampida (1971), der die "kopflose Flucht" der US-amerikanischen Truppen nach einem desaströs gescheiterten Invasionsversuch mit Häme und dubiosen historischen Analogien quittiert, sind schlicht ärgerlich. Fangen wir mit dem Ärger an, und arbeiten uns hernach zu dessen Sublimation vor: Die Tagline des grandiosen Hanoi, martes 13 lautet "Nosotros convertimos el odio en energia", überführen wir den Hass in Energie!

La estampida beginnt mit einer Fotografie. Das Gesicht einer jungen Frau, die wahrscheinlich Amerikanerin sein soll, ist durch einen blödsinnigen Grinser entstellt. Es folgt ein Zoom auf ihre weit aufgerissenen Augen, die bald das Bild füllen. Wer es bis jetzt nicht verstanden hat, wird in den nächsten zehn Minuten, die der Film dauert, reichlich Gelegenheit haben, immer wieder denselben Schluss zu ziehen: Trudelnde Helikopter, reaktionärer Country, ein zur Witzfigur animierter Richard Nixon, dessen Helm ein Hakenkreuz ziert, Jimmy Hendrix' Zerrversion der amerikanischen Nationalhymne, die akusmatische Belehrung aus dem Off, wonach "die Amerikaner" mehr Bomben über Vietnam abgeworfen hätten als während des gesamten zweiten Weltkriegs, Fotostrecken traumatisierter GIs - alles bedeutet uns, dass die Vereinigten Staaten in ihrer gesellschaftlichen Totalität dem Wahnsinn anheim gefallen seien.

Ganz anders Hanoi, martes 13, der in einer seiner ersten Szenen den vehementen Protest, der der amerikanischen Regierung aus der eigenen Bevölkerung entgegenschlug, zu einer rhythmischen Kaskade von Polizeiübergriffen ausgestaltet. Nachdem Álvarez sich kurz ad hominem an Lyndon B. Johnson abreagiert hat - und soviel sei ihm, in der satirischen Tradition eines John Heartfield, einspruchslos zugestanden - fährt er zu Höchstform auf. Seine Schilderung des vietnamesischen Volks als sanftmütige Solidargemeinschaft, die noch im Ausnahmezustand - der selbst in Hollywoods Kriegspropaganda stets ein Problem darstellt - ohne gesellschaftliche Kollateralschäden davonkommt, sucht ihresgleichen. Ausgedehnte Montagesequenzen zeigen gelebte und, was noch mehr ist, gefühlte Kollektivität. Erst beim Fischfang, bei der Arbeit am Feld oder in einer Ausspeisungsstelle, dann, qua unmerklicher Übergang, im Privaten. Eine Folge von Einstellungen, in deren Fond sich bewaffnete Männer tummeln, zeigt eng umschlungene Mädchen und Frauen, die eine Straße entlang schlendern, Mütter und Kinder, und schließlich, man reibe sich die Augen, zwei Händchen haltende Soldaten. Am Ende dieser Sequenz steht, völlig zusammenhanglos und trotzdem folgerichtig, das Close-Up einer grazilen Hand, die in der Art eines Dirigenten mit einander sachte berührenden Daumen und Zeigefinger konzentrische Kreise in die Luft malt/Schnitt zu einer Bombenexplosion, röhrende Flugzeuge, Verwüstung, wohin das Auge blickt, Verwundete, Tote. Erst die Bomben, nicht der Ausnahmezustand, nicht die militärische Überlegenheit des Feinds, können einem Volk, das sich im Recht weiß, etwas anhaben, gibt Álvarez uns hier... nicht gerade zu verstehen, sondern zu fühlen.