10/31/2009

"Ali Zaoua, Prince de la rue"

Ali Zaoua, Prince de la rue weist auf den ersten Blick einige Ähnlichkeit mit David Gordon Greens im selben Jahr entstandenen George Washington auf. In dem marokkanischen Film ist es eine Handvoll Straßenjungen, die sich um den Titel gebenden Helden scharen und ihre rauen Lebensbedingungen zu ganz schön altersweisen poetischen Sentenzen überhöhen. Dem realistischen Setting zwischen urbanem Brachland und brackigem Hafenviertel gewinnt Regisseur Nabil Ayouch unter Rückgriff auf elegische Kranfahrten und andere Kameramanierismen ein sentimentalisch-verzaubertes Flair ab, ob man will oder nicht.

Bei einer Auseinandersetzung mit einer verfeindeten Bande kommt Ali ums Leben. Seine Freunde beschließen, ihm die letzte Ehre zu erweisen, was sich, mittellos wie sie sind, schwieriger gestaltet als gedacht. Ali Zaoua ist eine Ode an die Kindheit, die im Angesicht des Todes als verlorene erscheint. Daher nimmt es nicht wunder, wenn an jeder Ecke Kitsch und Nostalgie lauern, was umso problematischer ist, als der Film doch zugleich vorgibt, einen Blick auf die elende Wirklichkeit klebstoffabhängiger Straßenkinder zu eröffnen.

Zu seiner Verteidigung könnte man vorbringen, dass Ali Zaoua an keiner Stelle unmittelbares Erleben simuliert. Die in der Lebenswelt der Kinder verankerte Kamera wird immer wieder von animierten Sequenzen und unmotivierten Einstellungen durchkreuzt und entwurzelt. Am Ende freilich wird alles Mysteriöse seinen rechtmäßigen und erklärlichen Platz eingenommen haben, davor bleiben diese Abschweifungen aber in reizvoller Schwebe. Auch dem Verhalten der Kinder, ihrem Mienenspiel, ihren Gesten, haftet eine Eigenwilligkeit und Widerspenstigkeit an, die sich nicht immer dem Erzählfluss ein- bzw. unterordnen lassen.

10/20/2009

Groteske Apartheid: "Skin"


Skin ist in jeder Hinsicht konsensfähiges Qualitätskino. Als ebenso routiniertes wie vorhersehbares Melodram stellt es die Rührung des Publikums in den Dienst eines erinnerungspolitischen Anliegens. Gedacht werden soll jenen Opfern der Apartheid, für die das Ende des Regimes mit den ersten freien Wahlen im Jahr 1994 „zu spät“ kam; deren persönliches Unglück nicht mit der formellen Freiheit ihrer Nachkommen aufgewogen werden kann. Entlang der Biografie Sandra Laings, die in den 1960er Jahren als schwarze Tochter weißer Eltern zur Welt kam, erinnert Skin an die Geschichte einer privaten Emanzipation vor der gesellschaftlichen, die eben darum scheitern musste.

Die Gegenwart, von der diese Erinnerung ihren Ausgang nimmt, ist zwar nur zu Beginn und in den letzten Minuten des Films in Andeutung zu sehen. Von der letzten Einstellung her, worin ein Strauß bunter Luftballons in den blauen Himmel entschwebt, lässt sich dennoch rekonstruieren, von welcher Warte der Film die Nachgeborenen adressiert. Der Blick zurück erfolgt aus der vermeintlich sicheren Distanz einer versöhnten, multikulturellen Gesellschaft, die mit dem vergangenen Unrecht nicht mehr in Verbindung stehen möchte. Hat es zunächst den Anschein, Skin wolle über Sandras Erfahrung ein geschichtliches Kontinuum etablieren, verliert der Film im aufgeklebten und also klebrigen Epilog leider doch den Mut dazu.

Sam Neill, dem durchgeknallte Charaktere von jeher am besten zu Gesicht stehen, bleibt als Sandras Vater zunächst eher unauffällig, im weiteren Verlauf wird er jedoch einige Gelegenheit zum exaltierten Spiel haben. Ist es doch seine Figur, auf deren Schultern die übermenschliche Aufgabe lastet, dem persönlichen wie institutionalisierten Rassismus das Potenzial zu seiner eigenen Überwindung einzuschreiben: So sehr Sandras Vater als strammer Kolonialherr von der Richtigkeit der Rassentrennungsgesetze überzeugt ist, liebt er seine – schwarze – Tochter. Will Skin uns bedeuten, dass sich hinter der Jahrzehnte währenden paternalistischen Bevormundung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit so etwas wie fehl geleitete Liebe verbarg? Natürlich nicht. Zumindest aber zeugt die Aufbietung einer derart schizophrenen Figur, wie Sam Neill sie hier zu verkörpern sucht, von der Schwierigkeit, die Apartheid anders als im Register des Grotesken zu verhandeln. Auch die zahlreichen Funktionäre des beamteten Rassismus – Lehrer, Ärzte, Polizisten, die Sandra das Leben schwer machen – sind schon physiognomisch als Karikaturen einer vergangenen Epoche ausgewiesen, deren Kritik sich erübrigt.

10/15/2009

Myazaki via Cubitt

Gestern sah ich Myazakis Gake no ue no Ponyo, der mich zwar nicht in demselben Maß hinfortriss wie seine phantastischen Epen Mononoke-hime oder Sen to Chihiro no kamikakush, sondern ob seiner stärkeren Verwurzelung im japanischen Alltag nur zögerlich und unvollständig entführte. Trotzdem stand mir wie immer der Mund offen. Die Protagonistin Ponyo ist weniger eine Figur als ein Potenzial, und wie das geht kann man bei Sean Cubitt, in einem Kapitel über Emile Cohl nachlesen:
"Cohl's line is the same one that, a mere thirteen years later, Klee would describe as going for an aimless walk [...]. It is the activity of the line that counts, rather than the end points, which are determined after the fact rather than before it, the result of drawing, not it's givens."
(Aus: The Cinema Effect, Camebridge, Massachusetts/London 2004, S.76.)

10/14/2009

Sadik Ahmeds "The Last Thakur"


Thakur vertritt als Hindu und Landbesitzer in einer kleinen, mehrheitlich islamischen Dorfgemeinschaft in Bangladesch eine elitäre Minderheit. Der politischen Vaterfigur dieser Gemeinschaft, von den Bewohnern nur „Chairman“ gerufen, ist die Machtkonzentration in Thakurs Händen ein Dorn im Auge. Der Besuch eines Unbekannten in Besitz eines Gewehrs, der sich keiner der beiden Fraktionen zugehörig fühlt, beschwört vergangenes Unrecht herauf und drängt den schwelenden Hass zum Ausbruch.

Nicht nur die erzählerische Anlage von Sadik Ahmeds The Last Thakur weist in Richtung Western, auch die Inszenierung des politischen Konflikts im Zentrum der Erzählung gemahnt an dieses Genre, genauer an seine italienische, dem antiken Drama nahe stehende Beugung: Um den historischen Grund des Konflikts auszuloten, findet der Film mit nur drei überlebensgroßen, bald mythischen Charakteren ein Auskommen, deren schicksalhafte Verstrickung in einem Blutbad enden muss.

In einer interessanten Wendung konterkariert The Last Thakur diese Individualisierung des Politischen und gibt zu erkennen, dass sich dahinter ein komplexes Geflecht sozialer Beziehungen erstreckt. Immer wieder fällt der Film auf die Perspektive eines kleinen Jungen zurück, der die Geschichte aus dem Off kommentiert. Spätestens wenn dieser Junge in seiner Naivität noch den Anstifter eines Lynchmobs als guten Mann bezeichnet, wird deutlich, dass seine Sicht immer schon voreingenommen und kompromittiert war; dass es, was noch schwerer wiegt, schwierig bis unmöglich ist, eine Erzählposition außerhalb des Konflikts zu finden.

The Last Thakur ist eine digitale Augenweide, der Regisseur Sadik Ahmed selbst zeichnet für die High-Definition-Kameraarbeit verantwortlich. Seine hochauflösenden Bilder staffeln die Beziehungen innerhalb der Dorfgemeinschaft in die Tiefe malerischer Räume und artikulieren sie über Schärfenverlagerungen und rasche Schwenks. Ermöglicht wurde der Film von einem neuen Förderprogramm des Verleihers Artifical Eye, der Absolventen der britischen National Film and Television School (NFTS) die Mittel für ihr Langfilmdebüt zur Verfügung stellt.

10/02/2009

Kurzrezension: "Orphan" und "The Ugly Truth"

Ein arbiträr zusammengestelltes double feature im Cinestar, Arbeitshypothese mainstream binge. Zuerst also in die so genannte "Mystery Sneak", wo sich allwöchentlich Filmbuffs aus Berlin und Umgebung versammeln, um ihr Nerdsein vor, während und nach der Vorführung mit einer solchen Exaltation zur Schau zu stellen, dass es nicht selten zur eigentlichen Attraktion des Abends gerät.

Vor allem wenn so abgegriffene Ware wie Jaume Collet-Serras Orphan (USA, 2009) auf dem Programm steht. Wem Kinder nicht ohnedies unheimlich sind, wird auch das sinistre Mädchen Esther nicht das Fürchten lehren, das in diesem behäbig inszenierten Horrorfilm von einer ganz normalen Mittelschichtsfamilie adoptiert wird und einiges - viel zu langsam eskalierendes - Unheil anrichtet. Jedenfalls die ersten 90 von insgesamt 123 Minuten ergeht sich Collet-Serra in einer eher unverbundenen Aneinanderreihung von Suspense-Klischees, die Spannung weniger evozieren als auf sie verweisen: Erinnerst du dich an dieselbe Einstellung/Kamerafahrt/Szenenfolge aus Rosemary's Baby/The Omen/It's Alive?



Gegen Ende des Films, wenn er allmählich an Fahrt und spannungsdramaturgischer Überzeugungskraft gewinnt, stellt ein surprise ending nicht nur das Narrativ betreffende Annahmen auf den Kopf, sondern interessanterweise auch einige technische Aspekte der Machart vom Kopf auf die Füße: Was vom Publikum in einem Moment als hölzerner Dialog und noch hölzerneres Spiel abgetan und prompt mit lautstarker Häme bedacht wurde, macht im nächsten erzählerischen Sinn. Das ist interessant und soll den zu Selbstüberschätzung neigenden Nerds eine Lehre sein. Ein Grund sich Orphan anzusehen ist es aber nicht.

Danach flugs in Robert Luketics Romcom The Ugly Truth (USA, 2009). Was im viel versprechenden Trailer pointiert und prägnant anmutet, ist es im ausgestalteten Film nicht mehr. Im Rahmen des Genres ungewöhnlich ist aber, dass die Auflösung der diametrischen Gegensätze nicht in Form eines Wortgefechts erfolgt, sondern im entscheidenden Moment auf die physische Dialogizität des Tanzes setzt. Die schöne Wahrheit, für die The Ugly Truth am Schluss eine Lanze bricht, ist, dass Liebe zwar einen Körper, aber keine Gründe braucht.