12/03/2009

Rademakers (2): "Makkers, staakt uw wild geraas"

Fons Rademakers’ Makkers, staakt uw wild geraas, der ihm den silbernen Bären auf der Berlinale 1961 einbrachte, ist ein Episodenfilm um drei Familien – und drei Familienmodelle – kurz vor Sinterklaasavond, dem niederländischen Heiligabend. Ein „modernes“, getrennt lebendes Paar, eine junge Familie, deren Vater fremdgeht, und eine alte, kleinbürgerliche, der ihr entfremdeter Sohn abhanden kommt, werden in Vorbereitung der Feierlichkeiten auf eine Belastungsprobe gestellt, die zwar mehrheitlich und vorhersehbar auf remarriage hinausläuft, jedoch nicht in jedem Fall versöhnlich endet.

Rademakers’ zweiter Film will dem Thema weder Originalität noch Skandal abgewinnen, sondern belehnt gleich zu Beginn – in einer Szene, die den filmischen Raum als Bühne perspektiviert, auf der ein Mann und eine Frau ihre gescheiterte Ehe diskutieren – Ibsen und Strindberg als Lizenz zum Bashing des bürgerlichen Wertekanon. Nicht zufällig heißt die Frau, eine erfolgreiche Werbefotografin, nach Ibsens berühmtester Figur Nora. Bald aber legt der Film die theatrale Allüre ab und besinnt sich seiner eigenen Mittel. Wie Makkers, staakt uw wild geraas die frühen 1960er-Jahre zu prägnanten Ansichten eines optimistischen Konsumismus verdichtet, unter dessen Oberflächen ein Unbehagen brodelt, das sich nicht länger abweisen lässt, muss man gesehen haben, wenn man es nicht schon bei den Mad Men gesehen hat. Bezeichnenderweise ist auch bei Rademakers die einzige Arbeitswelt, die sich zwischen all die Konsumparadiese drängt, jene der Werbung. Analog zu Werbeagentur und Fotostudio, in denen man der Gesellschaft des Spektakels bei der Arbeit zusehen kann, wird auch das Eigenheim (seine Instandhaltung, die Hausarbeit etc.) als logistische Großtat vorgeführt.

Bis kurz vor Schluss strukturiert das Prinzip des „Blick hinter die Kulissen“ die einzelnen Episoden, am Nikolausabend dann verfängt es nicht mehr. Dunkle Schemen, mit Mitren und schlohweißen Bärten angetan, jagen durch die nächtlichen Straßen Amsterdams, gefolgt von ihren noch seltsamer anmutenden Helferchen. Als ob sich die Kulissen verselbständigt hätten, um uns als Albtraum heimzusuchen. Leider verspielt der Film dieses schönen Schlussbild, indem er zuletzt doch noch klärt, dass es sich um nichts als verkleidete Familienväter handelt.

12/02/2009

Fons Rademakers: "Het mes"


1961, als Fons Rademakers' Het mes in die Kinos kam, hatte sich die Psychoanalyse, zur Küchenpsychologie heruntergekocht, längst in der populären Imagination eingerichtet. Das ist Rademakers drittem, marktschreierisch ödipalem Film überall anzusehen. Der verzogene Thomas hat Schwierigkeiten, sich mit dem neuen Mann seiner Mutter, einem unzuverlässigen Macho, anzufreunden. Thomas selbst steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden – in der Logik des Films heißt das immer: zum Mannsein – und verspricht, ein ebenso unangenehmer Chauvinist zu werden wie sein Stiefvater. Etwas in ihm setzt sich dennoch zur Wehr, wie und wogegen, weiß er selbst nicht so recht. Ohne festen Plan entwendet er aus einer Kolonialausstellung in der Missionskirche seines Dorfes ein Ritualmesser, das er fortan als, naja, Phallus bei sich trägt. Man kann natürlich versuchen Het mes in einem anderen Vokabular zu beschreiben; kein anderes drängt sich so auf. Unter dieser Voraussetzung soll das Messer wohl die koloniale Vergangenheit der Niederlande als Chiffre für das Unbewusste, „dieses wahre innere Afrika“ (Freud), evozieren usw.

Oder verhält es sich umgekehrt? Figuriert der kleine Junge, der sich vergeblich der Vätergeneration zu entziehen trachtet, zuletzt als politische Allegorie der heutigen Niederlande (anno 1961), auch und vor allem im Hinblick auf das Erbe des Kolonialismus. Dafür spricht, dass Thomas' verstorbener Vater und der Neue seiner Mutter beide als Offiziere in Niederländisch-Ostindien gedient haben; der eine verklärt aber tot, der andere unerträglich aber lebendig. Vielleicht ist Het mes doch interessanter, als er auf den ersten Blick erscheint. Kein Pardon gibt es indes für den normativen Schluss, der alle offenen Wunden mit Thomas Einfügung in, ähem, das Gesetz des Vaters vernäht.

12/01/2009

Zu Kiarostamis "Shirin"...

...schreibe ich auf Überbau.