1/08/2010

"Moilkhon" aka "A Pearl in the Forest" von Agvaantseren Enkhtaivan

A Pearl in the Forest ist ein mongolisches Nationalepos vor dem Hintergrund der stalinistischen Säuberungen Ende der 1930er Jahre, das trotz des denkbar ungleichartigen historischen Sujets einige Ähnlichkeit mit seinem US-amerikanischen Pendant, dem Western, aufweist. Nicht nur die erhabenen Wald- und Steppenlandschaften lassen an dieses Genre denken, sondern auch, wie die Kamera immerfort Holzzäune und andere Grenzziehungen umspielt, um den umzäunten Raum von der ihn umgebenden Wildnis abzuheben; wie sich ein aufrechter Familienvater, die Axt in Griffnähe, vor dem Eingang seiner bescheidenen Hütte aufbaut, um die sowjetischen Eindringlinge (lies: Viehbarone) abzuwehren; wie die Helden selbst „wild“ werden müssen, um den mörderischen Zivilisatoren zu widerstehen.

Jene Figur, der die Kamera das in Qualität und Quantität größte Interesse entgegenbringt (und also abgewinnt), ist der diabolische Markhaa, ein Stalinist, der seine eigene Großmutter zwar niemals verkaufen würde, dafür aber ohne Bedenken verhaften lässt. Er nimmt die politischen Säuberungen, der zehntausende Mongolen, darunter beinahe die gesamte (buddhistische) Intelligenzija, zum Opfer gefallen sind, zum Anlass persönlicher Bereicherung, dies jedoch nicht mit der Kälte des grauen Technokraten, sondern als triebgesteuerter Ausbund wollüstiger Leiblichkeit, vor dem man sich wohlig ekeln soll.

Obwohl bereits die Vorspanntitel unterstreichen, dass sich A Pearl in the Forest als Ort eines gemeinschaftsbildenden Gedenkens versteht, in dem die mongolische Nation zu sich selbst kommen soll, ist der Film weder unangenehm staatstragend noch ausgesprochen reaktionär. Für einen Moment sieht es sogar so aus, als wären die einzigen Überlebende und mithin, in der Logik des Films, der Keim der heutigen Mongolei ein Neugeborenes und ein Verrückter.

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