3/01/2010

Ungebunden: Radu Munteans "Boogie"

„Boogie“, so wird der thirtysomething Bogdan von seinen Jugendfreunden Penescu und Iordache immer noch gerufen, als er den beiden während eines Kurzurlaubs in einem heruntergewirtschafteten Ferienort an der rumänischen Schwarzmeerküste wiederbegegnet. Für die Dauer einer Nacht schlüpft Boogie in die Haut jenes verantwortungslosen Adoleszenten, der er einmal war. Seine schwangere Freundin Smaranda, mit der er ein kleines Unternehmen für Möbeldesign betreibt, und ihren gemeinsamen Sohn Adi lässt er in der Zwischenzeit im Hotelzimmer zurück.

Radu Munteans Boogie ist weitaus beiläufiger erzählt, als eine noch so skizzenartige Inhaltsangabe vermitteln kann. Der Film ist aus in sich geschlossenen Alltagsszenen zusammengesetzt, die nicht deshalb unvorhersehbar sind, weil sich irgendetwas Unwahrscheinliches darin zutrüge. Im Gegenteil: Alles was geschieht, ist in den Figuren und ihren wechselnden Konstellationen angelegt. Weil diese Anlage aber nicht schon zu Beginn offen liegt, sondern erst nach und nach Gestalt annimmt, sind die Situationen, in denen Bogdan sich wiederfindet, von einer Ungebundenheit, die es mit den offensten Filmen Eric Rohmers aufnehmen kann.

Entdramatisierend wirkt sich auch Munteans erzählerische Vorliebe für solche Wendungen aus, die nur beinahe eintreten: Beinahe schaut Bogdan zu tief ins Glas, beinahe geht er fremd, beinahe eskaliert ein Streit. Immer wieder führt Boogie an zwischenmenschliche Abgründe heran, um sich im letzten Moment eines Besseren zu entsinnen; der manifeste Handlungsverlauf gerät dabei zu einer Möglichkeit unter vielen. Zum Überhang des Latenten trägt auch die Kamera bei. Noch wo der brillante Dialog auf Einfühlung zielt, hält sie zu den Figuren die höfliche Distanz halbnaher Einstellungen.

Muntean geht es um mehr als eine verhinderte Reise durch die Nacht. Ohne seinen zeitdiagnostischen Einsatz allzu laut herauszuposaunen, will Boogie doch auch ein Porträt jener ersten Generation von Rumänen sein, denen – in einer großartigen Szene – der Name Ceauşescu nicht den geringsten Respekt mehr abnötigt. Unter diesem Aspekt erhellt auch, weshalb sich die Freundschaft im Zentrum des Films am Ende als unverbindlich entpuppen muss. Während Bogdan es – zumindest in finanzieller Hinsicht – geschafft hat, schlägt sich Iordache mit Schwarzarbeit durchs Leben. Auch und gerade in den postkommunistischen Gesellschaften gilt: Money runs deeper than friendship.

1 comment:

  1. Hallo Nikolaus,

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