6/05/2012

Art that works: Unfertiges zur 7. Berlin Biennale

Hier der Rumpf eines Artikels zur Berlin Biennale, der nicht fertig werden wollte/will, und auch nicht mehr up to date ist: To whom it may concern.

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Von „direkter Aktion“ ist in den begleitenden Werbetexten und Pamphleten, die einen nicht unwesentlichen Teil des eigentlich greifbaren Ausstellungsmaterials ausmachen, immer wieder die Rede, in vereinseitigender Abgrenzung zu ästhetischer Reflexion und Vermittlung, die es tunlichst zu meiden gelte ob ihrer wahlweise „komfortabel“, „sicher“ oder – hier verrät sich der Geist des ganzen Unterfangens – „kritisch“ gescholtenen Distanz zu allen weltlichen Belangen. Stattdessen: Occupy Berlin Biennale, also junge Menschen wie du und ich wir, die mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen und einem Buntstiftporträt von Günter Grass in der Hand die Systemfrage stellen, als ob sie noch nie jemand vor ihnen gestellt hätte. Ganz direkt: „Was tust du eigentlich, um die Welt zu verbessern?“

Man muss kein Hardcore-Adornit sein, um so viel Tatkraftmeierei erst einmal abtörnend (und die halbautomatisiert mitlaufende Rhetorik dazu wenigstens verdächtig) zu finden. Chefkurator Artur Żmijewski, ganz brummiger agent provocateur (sagt man, aber seine seltsam stumpfen Provokationen entbehren jeder lustvollen Übertreibung oder Theatralität), legt es sichtlich darauf an, diesen Verdacht zu erhärten. So oft Klaus Biesenbach, PS1-Direktor und einstiger Mitbegründer der Kunst-Werke, auf der Pressekonferenz den rein legitimatorischen Beuys-Vergleich (soziale Plastik!) bringt, so oft hält Żmijewski dagegen: Ohne Veranlassung und vor allem ohne Argumente glaubt er Günter Grass’ politische Lyrik in Schutz nehmen zu müssen; gibt er sich irgendwie düpiert über rechtsstaatliche Einschränkungen, denen er und sein Team unterlägen („We had to accept the law“); oder schwadroniert er von der „Pflicht“ (duty) der Kunst, politische Anliegen zu unterstützen. Worum es ihm gehe, so Żmijewski im ebenso unglücklichen wie bezugreichen Wortlaut, sei „art that works... for the real.“

Zunächst vielversprechend – in der berechtigten Kritik an der kuratorischen Diskursherrschaft – schien die von Joanna Warsza vorgestellte Programmatik des „agonalen Kuratierens.“ Die kuratorischen Gesten des Auswählens und für relevant Befindens werden nicht besonders subtil aber wirkungsvoll unterwandert in ArtWiki.org, einer von Pit Schultz betreuten Online-Platform, auf der Kunstschaffende frei zugängliche Informationen zu ihrer Arbeit und, darunter geht dieses Jahr wohl nichts, ihren politischen Neigungen hinterlegen können. Auch die so genannten „Solidaritätsaktionen“ sind eine Konsequenz agonalen Kuratierens, diesmal jedoch zur Beliebigkeit überspannt. Bezeichnet ist mit diesem Euphemismus die Kooptation eines dubiosen Allerlei politischer Projekte und Projektionen durch die diesjährige Biennale oder umgekehrt, dem Selbstverständnis der Veranstalter folgend, die Kooptation der Biennale durch diese Projekte. Dass man nicht immer d’accord geht mit den Zielsetzungen der solcherart eingemeindeten Bewegungen, soll dem Spaß keinen Abbruch tun, der saloppe Hinweis auf die Obsoleszenz kuratorischer Praxis als Rechtfertigung genügen. Nichts gegen (zumal ästhetisch versierte) Bewegungskunst, aber alles gegen einen ungerichteten Bewegungsfetischismus, der sich dann auch noch aus der Verantwortung zu stehlen gedenkt.

Die Freiräume, die überall unter Beschuss stehen und deshalb in Institutionen wie den Kunst-Werken ein Reservat finden sollen (K/W-Direktorin Gabriele Horn, staatstragend), werden vom duzfreudigen Diktat der direkten Partizipation noch jedesmal zunichte gemacht. Żmijewski und GenossInnen wissen um diese grundsätzliche Kritik, antizipieren sie, fordern sie nachgerade heraus... um sie dann abzutun, mit einer abfälligen Handbewegung und also ohne die notwendige Mühe, den absehbaren Einwänden in irgendeinem nennenswerten Sinn zu begegnen. Das ist die größte Enttäuschung der diesjährigen Biennale: So gut begründet Żmijewskis Rundumschlag gegen die defensive und äußerliche Politisierung des Kunstbetriebs in den letzten, politisch bewegten zehn Jahren auch hätte sein können: er ist es beim besten Willen nicht.

Das heere Autonomie-Ideal wird als so 19th Century hingestellt und bedenkenlos entsorgt, der ganze Wust an „bürgerlichen“ Vorstellungen inbegriffen, die an dem Ideal noch mit dran hängen. Fair enough, aber was ist die Alternative? Der uterine Videoraum in den Kunst-Werken, in dem visuell gleichgültige Wackelbilder assortierter Demos und Kundgebungen von allen Seiten auf den Betrachter einrieseln, um ihn in eine vage politische Geschäftigkeit einzuhüllen? Die in hölzernen Displays arrangierte Auswahl sentimentalischer Alltagsgegenstände der deutschstämmigen „Vertriebenen“ im Deutschlandhaus? Das vor binsenweisen Slogans und inhaltsleerer Protestikonographie wimmelnde Occupy-Zeltdorf, dem die große Ausstellungshalle in den Kunst-Werken überantwortet wurde? Viel Lärm um ein durchwegs ernüchterndes Aufgebot.

Dennoch wäre es verfrüht, letztgültige Einschätzungen abgeben zu wollen zur diesjährigen Berlin Biennale, die ist, was sie gewesen sein wird: Eine ständig sich erweiternde Vielfalt von an- bzw. ausgegliederten Veranstaltungen und Interventionen in den Stadtraum, vom Reenactment der Schlacht um Berlin anno 1945 im Spreepark bis zum Kongress des „Jewish Renaissance Movement in Poland“ im Hebbel am Ufer. Gut möglich, dass sich der schale erste Eindruck im Verlauf der nächsten Monate noch zerstreuen wird.

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