6/09/2013

The Real Eighties: Einführung zu "Johnny Handsome" (Walter Hill, 1989)

Johnny Handsome von Walter Hill wird oft als Neo-noir geführt, von der erzählerischen Anlage her ist aber wenig "Neues" an ihm. Fast klassizistisch mutet der Film über weite Strecken an, im Sinn einer Purifikation und Vereinfachung von Figuren des klassischen Film noir. Jedenfalls im direkten Vergleich mit den neobarocken Manierismen, die das Hollywood der Achtzigerjahre prägten, ist Johnny Handsome ein ziemlich straightes Stück Genrekino. Hill setzt nicht auf Schnörkel, aber auch nicht auf einen schmucklosen Abbildrealismus, sondern: auf Verdichtung, Intensität, Rhythmus und eine Bildgewalt, die den Zug ins Mythische des klassischen Hollywoodkinos zu erneuern sucht.

Keine psychologisch ausgestalteten Charaktere bevölkern die Welt von Johnny Handsome, sondern flache Figuren – fast Bilder nur von Figuren. Und obwohl man sich immer wieder auf dieses Bildhafte der Figuren verwiesen sieht, erscheinen sie nicht als smarte Referenzen oder Zitate, sondern als mythische Archetypen: die von Grund auf gute und die durch und durch böse Frau; der zwischen zwei Identitäten, zwei Gesichtern, zwei Vätern zerrissene Held usw. Gleichzeitig findet Hill Mittel und Wege, seine Archetypen an die gesellschaftlichen Wirklichkeiten der Vereinigten Staaten anno 1989 anschlussfähig zu machen. Genau das, also die glückliche Vermählung von filmischer Überhöhung und einer dreckigen Welthaltigkeit, war es, was den klassischen Film noir vor allen anderen Genres auszeichnete.

Neben dem mythischen und dem realistischen Register des Films – oder vielleicht als Synthese der beiden – gibt es dann auch noch das der existenzialistischen Parabel. Zwei Figuren streiten um Johnnys Seele, beide sind, damit man ihre wechselseitige Bezüglichkeit und Symmetrie sofort versteht, mit schwarzen Darstellern, nämlich mit Morgan Freeman und Forrest Whitaker, besetzt. Freeman ist ein Cop, Whitaker ein Arzt, und über diese beiden Berufe bzw. Berufungen bestimmt sich ihr Verhältnis zu dem Ganoven Johnny Handsome, der selbst ein wandelndes Gleichnis ist über das Verhältnis zwischen Schicksal und Selbstbestimmung – und auch über das Verhältnis zwischen Bild und Wahrheit. Wenn diese Beschreibung ein bisschen dick aufgetragen klingt, dann hat sie ihren Zweck genau erfüllt. Tatsächlich schlägt der dicke, dichte Auftrag auf flache Bilder nicht nur in diesem Eighties-Film von Walter Hill irgendwann um in eine neue Qualität, die ihm den Ruf eines auteur eingebracht hat, völlig zu Recht.

Was Hill außerdem so gut kann wie kaum ein anderer Regisseur der Achtzigerjahre: frenetische, treibende Actionszenen, von denen Sie einige gleich werden bewundern können. Unterlegt ist das Ganze mit einem tollen Score von Ry Cooder, der mal nach proletarischem Springsteen-Rock, mal nach saxophonigem Noir-Soundtrack und mal nach dröhnendem Industrial klingt. Offenkundig hat der Film Bildeigenschaften, die seine Herkunft aus den 80ern verraten, aber mein Eindruck ist trotzdem, dass Johnny Handsome und die anderen Neo-noirs der Zeit mehr trennt als verbindet. Hier wie dort werden die Bilder als Bilder greifbar, im Unterschied zu Filmen wie Paul Schraders American Gigolo, Lawrence Kasdans Body Heat oder auch zu einem Film wie Blow Out vom Obermanieristen Brian De Palma, hat Hill jedoch überhaupt keinen Begriff von Scheinhaftigkeit. Alles liegt offen, strebt nach Direktheit, Unmittelbarkeit: Johnnys deformiertes Gesicht, das sich nach einem operativen Eingriff in das Gesicht von Mickey Rourke verwandelt, ist das beste Beispiel dafür. Zwar handelt dieser Maskeneffekt auch irgendwie von Oberflächen und dem dahinter oder darunter Verborgenen, aber thematisiert wird das nicht in doppeldeutigen, doppelbödigen Bildern, sondern direkt in der Materie, im Fleisch des erst hässlichen und dann schönen Johnny.

Was ich anfangs – vielleicht ein bisschen ungeschickt – als Walter Hills Klassizismus beschrieben habe, weist in Johnny Handsome bereits über sich hinaus in Richtung einer dunklen Romantik der gequälten Seele. Das hat, glaube ich, auch und vor allem mit dem Genre zu tun. Schon im als „klassisch“ bezeichneten Film noir kann man ja eine solche Selbstüberschreitung (in dem Fall: des klassischen Studiofilms) beobachten. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine möglichst transgressive Filmerfahrung mit Walter Hills Johnny Handsome: Gute Projektion!

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