6/08/2013

The Real Eighties: Einführung zu "Mike's Murder" (James Bridges, 1982-84)

James Bridges hat bis zu seinem Krebstod im Alter von 57 Jahren – das war 1993 – nur 8 Spielfilme realisiert, die Hälfte davon aber in den Achtzigerjahren. 1980 seine neben The China Syndrome vielleicht bekannteste Regiearbeit Urban Cowboy, 1984 den Film des heutigen Abends, Mike’s Murder, ein Jahr darauf den Aerobic-Themenfilm Perfect und gegen Ende des Jahrzehnts, im letzten vollen Amtsjahr Ronald Reagans, das Yuppie-Drama Bright Lights, Big City. Die ersten beiden Bridges-Filme der 80er, Urban Cowboy und Mike’s Murder, stellen sich auf je besondere Weise quer zum Mainstream des Jahrzehnts. Die anderen beiden begeben sich direkt ins zeitgenössische Epizentrum von Hardbody-Körperkult auf der einen, und Yuppie-Angestelltenkultur auf der anderen Seite.

Den weiblichen lead in Urban Cowboy und Mike’s Murder spielt eine der zentralen Darstellerinnen der Achtzigerjahre, nämlich die unvergleichliche Debra Winger, für die Bridges, vor allem am Anfang ihrer Karriere, so etwas wie ein Mentor war. Sein langjähriger Lebenspartner Jack Larson berichtet, dass Bridges zahlreiche Projekte abgelehnt hätte, wenn die Auftraggeber sich gegen in seinen Augen unverhandelbare Forderungen sperrten. Fast hätte auch Urban Cowboy dieses Schicksal erlitten, weil das produzierende Studio Paramount eine zugkräftigere Darstellerin als die damals noch unbekannte Debra Winger für die Hauptrolle verpflichten wollte. Bridges lies dem Studio ausrichten, dass er seine Beteiligung an dem Film zurückziehen würde, wenn Winger nicht schon morgen im Flieger nach Houston sitzt, wo Urban Cowboy gedreht wurde. Und er bewies genau den richtigen Riecher. Debra Winger sollte ihrem Ko-Star John Travolta in jeder Szene die Schau stehlen mit ihrem unverwechselbaren Spiel, das uns immer wieder von der Seite überrascht und überrumpelt, und so – zumindest momentweise – der Definitionsmacht des Drehbuchs auskommt.

In Mike’s Murder endlich, einem kleinen, persönlicheren Filme von James Bridges, spielt Winger die alleinige Hauptrolle. Es ist, auf mehreren Ebenen, ganz ihr Film. Mike’s Murder ist ein Film noir, der die handelsübliche Geschlechteraufteilung des Genres auf den Kopf oder vielleicht treffender: vom Kopf auf die Füße stellt. Man hat nämlich nicht den Eindruck, als ob die Regeln des Genres mutwillig verdreht oder einer irgendwie absichtsvollen Bearbeitung unterzogen würden, so intuitiv fühlt sich das alles an. Kein generischer, sondern ein sozusagen „verdienter“ Film noir, der seine Stimmungen und Atmosphären nicht voraussetzt, sondern sie aus kleinen und oft zunächst unscheinbaren Situationen heraus erarbeitet.

Mike ist ein kleiner Hustler, der sich je nach Gelegenheit als Tennislehrer, Drogendealer oder Fließenleger verdingt, ein ständig mit sich ringender lost boy, den man als Eighties-Update von klassischen Noir-Antihelden wie etwa Richard Widmarks Harry Fabian aus Jules Dassins Night and the City verstehen kann. Solchen charmanten Kleinganoven dabei zuzusehen, wie sie sich mehr schlecht als recht durchs Leben wurschteln, muss uns für sie einnehmen. Anders als Harry Fabian will Mike jedoch nichts Großes, und auch sein Scheitern hat, im Unterschied zumal zum bedeutungsschwangeren und gesellschaftspolitisch aufgeladenen Scheitern in den Filmen der Sechziger- und Siebzigerjahre, so gar nichts Großartiges. Das leise Pathos genau dieses kleinen Scheiterns evoziert Mike’s Murder so gekonnt, dass auch wir uns, wie Debra Wingers Bankangestellte Betty, prompt in Mike verlieben.

Dieser Mike Chahutsky, so der volle und in seiner polnisch-prosaischen Endung ganz und gar unglamouröse Rollenname, ist vor allem negativ bestimmt: Zum Beispiel darüber, dass er seine Miete nicht bezahlen kann. „He never had anything,“ wird ein alter Freund nach seiner Ermordung sagen, „He never even had a car.“ Beziehungen, die so lose und ungerichtet sind wie jene zwischen Betty und Mike, gibt es im heutigen amerikanischen Kino nur mehr sehr selten. Vielleicht waren sie aber auch 1984, als Mike’s Murder in die Kinos kam, schon eine Seltenheit. Es geht um eine Liebe, eine Verliebtheit, die nichts oder jedenfalls nichts Bestimmtes vom Objekt der Begierde will, die auf nichts hinausläuft, und in der wechselseitiges Verfehlen und kleine, kostbare Momenten einander ungefähr die Waage halten.

Das Los Angeles von Mike’s Murder ist weder glamourös noch eigentlich „gritty“, sondern unaufdringlich profan, entzaubert, ein Ort des Alltags und der ganz normalen Verrichtungen, dem man es eigentlich nie ansieht, dass gleich nebenan Hollywood liegt. Vielleicht liegt darin auch ein kulturgeschichtliches Verdienst des Films: Eine wenig Aufsehen erregende Lebenswelt aus dem Los Angeles der Achtzigerjahre mit unbelastetem, vorurteilsfreiem Blick konserviert zu haben. (Der Film kommt wohl auch in Thom Andersens Los Angeles Plays Itself vor, aber das habe ich zu spät erinnert, um die betreffende Stelle noch einmal nachzusehen.)

Bemerkenswert auch die elliptisch-erratische Zeitlichkeit von Mike’s Murder, vor allem in der wirklich betörenden ersten Hälfte des Films. Skizzenhafte Szenen lösen einander ab, und während man sich in die kleinen Alltagslyrismen verschaut, die Bridges hier und da einstreut, vergehen Wochen, manchmal Monate. Dass der Schnitt so ungewöhnlich geraten ist, mag auch mit der Produktionsgeschichte des Films zusammenhängen. Schon 1982, also zwei Jahre vor dem Kinostart, hatte Bridges eine Schnittfassung vorgelegt, die Mike’s Murder vom Ende her rückwärts erzählt, vergleichbar vielleicht der Verfahrensweise in Christopher Nolans Memento. Diese leider verschollene Schnittfassung wurde vom Studio abgelehnt, und dann dauerte es ganze zwei Jahre, um die reguläre Leserichtung zu restituieren. Ich denke, man kann im fertigen Film noch Rückstände dieser zeitlichen Verwirrungen auffinden. Vielleicht verdankt sich gerade ihnen die rätselhafte Schönheit dieses wirklich wunderbaren kleinen Films. In diesem Sinne: Gute Projektion!

(Hier noch der Link zu einem sehr schönen Text von Lukas Foerster zum selben Film.)

No comments:

Post a Comment