11/07/2015

Sehnsucht nach dem Regen: "Emperor Visits the Hell" (LI Luo, 2012)


Guten Abend und herzlich willkommen zur heute bereits zweiten Vorführung im Rahmen der Filmreihe Sehnsucht nach dem Regen, eine Art Überblicksdarstellung des chinesischen Gegenwartskinos in seiner kaum überblicksartig darstellbaren Vielfalt. Ich bin einer der vier Kuratoren der Reihe und freue mich sehr, Ihnen einen meiner Lieblingsfilme vorstellen zu dürfen – einen Lieblingsfilm nicht nur innerhalb unserer Reihe, sondern der letzten Jahre überhaupt. Emperor Visits the Hell ist der dritte Spielfilm von Li Luo, der in Wuhan in der nordchinesischen Provinz Hebei nahe Beijing geboren und aufgewachsen ist, das Filmemachen aber in Kanada studiert hat. Schauplatz seiner Filme ist die Gegend um Wuhan, sein Blick auf die eigene Herkunft aber ist solitär im chinesischen Gegenwartskino – ich denke nicht, dass es sehr weit führt, diesem Blick eine “westliche Prägung” zu attestieren, irgendetwas wird die Besonderheit von Lis Werk aber doch damit zu tun haben, dass er auf den Erfahrungsraum seiner Herkunft zurückschaut aus einer versetzten, verschobenen Perspektive. Vielleicht müsste man es negativ formulieren: Lis Blick ist nicht westlich (oder wie auch immer) orientiert, sondern dezentriert, exzentrisch.

Emperor Visits the Hell schöpft Situationen und Figuren aus einem der vier klassischen Romane Chinas, Wu Cheng’ens Die Reise nach Westen, verfasst im 16. Jahrhundert, zur Zeit der Ming-Dynastie. Die Reise nach Westen beschreibt eine Reisebewegung – eine Passage – durch einen umfangreichen Sagenkreis, in lose verbundenen Kapiteln, zusammengehalten nur vom Protagonisten der Erzählung, einem jungen Mönch namens Xuanzang, der unterwegs ist zum “westlichen Himmel”, dem heutigen Indien, wo er die heiligen Schriften Buddhas ausfindig machen und nach China zurückbringen soll. Auf seiner Reise erlebt Xuanzang unzählige Abenteuer, begegnet er historischen Persönlichkeiten und fantastischen Wesenheiten, die heute sämtlich chinesisches Allgemeingut sind. Die bekannteste dieser Figuren ist einer von Xuanzangs Weggefährten, der durchgeknallt-erleuchtete Affenkönig Sun Wukong. Zu dessen origin story gibt es einen wunderbaren Blockbuster, den wir leider nicht zeigen können – wie überhaupt die Reise nach Westen ein zentrales Geschichteninventar darstellt insbesondere für das populäre chinesische Kino – und nicht erst das der Gegenwart.

Die serielle, aus austauschbaren Erzähl-Modulen zusammengesetzte Form von Wu Cheng’ens klassischem Roman eignet sich hervorragend zur kulturindustriellen Wiederverwertung. Die einzelnen Episoden sind so lose in den Gesamtzusammenhang eingebettet – und dem chinesischen Publikum zugleich derart vertraut – dass sie nach Belieben herausgegriffen und rearrangiert werden können. Li Luos Film, den sie gleich sehen werden, ist von diesem Segment der chinesischen Filmproduktion denkbar weit entfernt, kein episches Spektakelkino, sondern eine experimentierfreudige Film-Miniatur. Die Freiheiten jedoch, die Li sich im Umgang mit dem Stoff nimmt, nehmen sich durchaus auch die Großfilmregisseure, weshalb die von der Reise nach Westen inspirierten Blockbuster in der Regel auch wesentlich wilder und zügelloser ausfallen als ihre westlichen Pendants.

Wenn Ihnen der Film des heutigen Abends also nicht sofort ganz durchsichtig wird, dann liegt das nicht oder nicht nur an Li Luos prononciertem Kunstwollen, sondern am Voraussetzungsreichtum seiner Vorlage, der ein nicht-chinesisches Publikum vor Schwierigkeiten stellen kann. Ich werde Ihnen jetzt nicht auseinandersetzen, was es mit den Figuren und Situationen, bei denen Emperor Visits the Hell sich bedient, im einzelnen auf sich hat – auch weil das allmähliche und stets unvollständige Entdecken dieser sehr rätselhaften Welt zu den vielen schönen Erfahrungen gehört, die man mit dem Film machen kann. No spoilers also, aber doch ein paar Hinweise. Die Hauptfigur der betreffenden Episode aus Reise nach Westen ist die historische Persönlichkeit Li Shimin, ein Kaiser der Tang-Dynastie, der hier zum kommunistischen Funktionär umfunktioniert wird. Ihm gegenüber der Dragon King, hier als Anführer einer Ganovenbande – und zusammen werden sie in einen Plot verwickelt, der erst in den Himmel und dann in die tiefste Hölle führt.

Li versetzt den klassischen Stoff ins heutige China bzw. in eine stark stilisierte Variante der chinesischen Gegenwart, bevölkert von Bürokraten und Gangstern, die trotz des modernen Settings reden und handeln, als befänden sie sich in der mythologischen Welt der Reise nach Westen. Manchmal kommt einem diese Verschränkung von alt und neu als kognitive Dissonanz zu Bewusstsein, aber mein Eindruck ist, dass Li die in dieser Prämisse angelegten Konflikt- und Spannungspotenziale eher abwiegelt als betont. Am besten funktioniert der Film, wenn es einem gelingt, seine unwahrscheinlichen aber eben auch sehr unaufgeregten Setzungen einfach hinzunehmen – wie sonst sollte man in den Himmel gelangen als durch aktives Träumen? wie sonst zur Hölle fahren als mit den öffentlichen Verkehrsmitteln? Himmel und Hölle, das sind bei Li Luo keine jenseitigen Orte und kein Transzendenzversprechen, sondern bürokratische Apparate, die auf komplizierte Weise miteinander kommunizieren, prinzipiell aber genauso manipulierbar sind wie ihre realweltlichen Entsprechungen. Der universellen Vetternwirtschaft zum Beispiel, die im angeblich meritokratischen China ihr Unwesen treibt, tut die Aufteilung der Welt in drei Reiche keinen Abbruch. Erde, Himmel und Hölle bilden ein geschlossenes System, aus dem auch der Schlaf seiner weltmüden Bewohner nicht herausführt.

In seinen scharfen und reduzierten Schwarzweißbildern erreicht Emperor Visits the Hell große ästhetische Präzision, die den sonderbaren Erzählvorgang konterkariert – in der Anmutung ausdrücklich und überdeutlich, in der Entwicklung aber sprunghaft, voller doppelter Böden. Und es gibt noch andere solcher in sich gegensätzlicher Doppelfiguren: die von fiktionalen und dokumentarischen Elementen; die von Bild und Text, der hier sehr ungewöhnlich eingesetzt wird; und – vielleicht am wichtigsten für die Gesamtstruktur des Films – die von bewegten und stillgestellten Bildern – hier bezieht sich Li auf die im China der 70er und 80er Jahre sehr populären “picture books”; Sie werden dieses zwischen Fotografie und Erzählung angesiedelte Bilderbuchformat auf verschiedenen Ebenen im Film wiedererkennen.

Der Kaiser Li Shimin wird gespielt von Li Wen, einem mit dem Regisseur befreundeten Kunstlehrer aus Wuhan. An ihm lässt sich sehr schön das Verfahren veranschaulichen, wie Li vorfilmische Wirklichkeiten in seine Erzählwelten einsickern lässt. Li Wens persönliche Eigenarten, seine politischen Haltungen, aber auch seine künstlerischen Sensibilitäten und Talente, gehen oft unvermittelt in die Figurenzeichnung ein. In Li Luos nächstem Film, Li Wen at East Lake, tritt dieser Zug dann noch deutlicher hervor. Darin spielt Li Wen einen Detektiv oder Polizisten (ganz klar ist es nicht), der in seiner Freizeit malt. In einer Szene verwickelt ihn eine junge Frau in ein Streitgespräch über Poststrukturalismus und Gendertheorie, das nicht nur den fiktionalen Detektiv Li Wen, sondern den Gelegenheitsdarsteller und Kunstlehrer Li Wen – nicht zufällig tragen sie beide denselben Namen – nachhaltig in seiner patriarchalen Selbstgewissheit verunsichert. Nicht nur legen Lis Darsteller etwas von sich in seine Filme hinein, sie geben sich auch Blößen, machen sich auf intime Weise verletzbar – ein Stück weit zumindest; am Ende bleibt es natürlich uns überlassen, das Geflecht aus kanonischen Erzähltraditionen und persönlichen Idiosynkrasien zu entwirren.

Nur zwei Regisseure sind mit jeweils zwei Arbeiten in unserer Auswahl vertreten. Der eine ist Li Luo mit seinen filigranen Erzählexperimenten, der andere das Hongkong-Actionkino-Urgestein Tsui Hark, der heute in festlandchinesisch koproduzierten Fantasyepen und Propagandafilmen macht. Ein kleiner und ein großer Autorenfilmer, zwei Extreme, die das weite Feld unserer Reihe abstecken – für den unglücklichen Umstand, dass beide Männer sind, leistet eine andere tolle Zeughauskinoreihe in diesem Monat über den Aufbruch der AutorInnen Abbitte, die Ihnen hiermit auch noch ans Herz gelegt sei. Ich wünsche eine gute Projektion!

1 comment:

  1. Ich wirklich dieses Artikels, eine Menge wertvoller Inhalte mögen. Und natürlich, sehr coole Bilder!

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